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Streuobstwiesen und Obstbäume

Streuobstwiesen und Obstbäume

Streuobstwiesen mit Obstbäumen sind typisch für die Odenwälder Kulturlandschaft

Jedes Jahr fällt im Frühjahr die Blütenpracht der Obstbäume auf und im Herbst hängen diese voller Äpfel, Birnen, Kirschen und Zwetschen. Auch Renekloden, Quitten und Mirabellen sind noch einigen Menschen bekannt. Rund um Siedlungen und entlang von Chausseen und Feldrainen gab es bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg eine enorme Sortenvielfalt. Das Obst des früheren Odenwaldes war wirtschaftliche Grundlage und Zuverdienst für die landwirtschaftliche Produktpalette. Auszüge des Urkunden-Textes welcher 1876 bei der Grundsteinlegung der „Alten Schule“, Kirchgasse 5, im Grundstein eingegraben ist zeigen den Wirtschaftswert:

Im Vergleich zu 100 kg Korn (Roggen), das damals 17 Mark kostete, waren 100 kg Äpfel 7 Mark, 100kg Birnen 5 Mark und 100 kg Zwetschen 4 Mark wert, letzte entsprachen dem Wert von 100kg Kartoffeln, die mit 4-5 Mark gehandelt wurden. 100 kg Walnüsse erbrachten 12 Mark genauso viel wie 1 Meter Buchen-Scheitholz.

Großfrüchtige, veredelte Kulturobstsorten fanden ihren Weg mit den Römern vor mehr als 2000 Jahren hierher. Ursprungsländer sind Westchina, Persien und Kaukasus. Händler der Seidenstraße brachten dieses Kulturgut von Äpfeln, Birnen, Pfirsichen und Pflaumen sowie Walnüssen in den Mittelmeerraum; Griechen und Römer verbesserten durch Zucht und Veredelung die Fruchtqualität weiter. Hier bei uns gab es Wildäpfel und kleine Süßkirschen.

Baumgärten – „Bangerte“ so nannte man früher Streuobstwiesen – fanden sich direkt hinterm Haus noch innerhalb des Bannholzes, der strauchartigen Einzäunung um die Dörfer, die vor Wild und Wilderern schützen sollte. Die Grünfläche unter den Bäumen wurden ebenfalls genutzt, zur Tuchbleiche, als Auslauf für das Federvieh oder zur Mahd. Aus dem Obst wurde früher fast in jeder Schankwirtschaft mit Brennrechten Obstler hergestellt und gerne und auch oft viel konsumiert. Auch heute noch wird Apfelwein gekeltert und Obstler gebrannt.

Auch getrocknet war Obst wichtig. So wurde Odenwälder Dörrobst, Dörr-Zwetschen, den Rhein abwärts, an holländische Hansekoggen geliefert. Es war haltbarer Vitaminspender auf den Schiffsreisen für die Mannschaft. Später wurden auch Apfel- und Birnenschnitze getrocknet und vermarktet.

Frau Gerda Erlemann aus der Waldstraße, die Urenkelin gibt ein ganz konkretes Beispiel für Rimbach und erzählt vom „Schnitz Michel“, Michael Schmitt XI (geboren 16.11.1862 gest. 25.11.1891). Er hatte getrocknete Apfel- und Birnenschnitze mit der Schubkarre zum Markt bis Mannheim gefahren. Diese wurden auf der Holzhorte in der Scheune oder in der Sonne getrocknet. Die Obstbäume standen auf dem Weibertswiesenberg/Böhmertswiesenberg. Er hatte auch die Wirtschaft „Zum Odenwald“ (gebaut 1880) und er daneben noch Viehhandel und die Bauerei.

Es gibt edle Apfelsorten, die man vor vielen 100 Jahre bereits anbaute und die bis heute noch gefragt sind: Sie tragen teils französische Namen ihres Herkunftslandes wie die Renetten: Goldrenette, Graue Herbstrenette, Ananasrenette, Chapagnerrenette oder Cox Orangerenette. Doch manche Namen verraten auch ihre lokale Herkunft, wie der „Zotzenbacher Kurzstiel“ oder „Großbreitenbacher Wilder“.

Viele alte Sorten sind inzwischen nicht mehr gefragt, weil sich das Geschmacksempfinden der Menschen und der Anspruch der Herstellerindustrie und Handel verändert haben.

Jährliche Obstbestellung

Gegen September fängt es an mit einem Hinweis in den lokalen Zeitungen: es gibt wieder Möglichkeit bei den jeweiligen Umweltämtern der Weschnitztalgemeinden, Obstbäume zu bestellen.  So werden in Rimbach seit mehr als 30 Jahren Sammelbestellungen von Obstbäumen angeboten und fördern damit den traditionellen Anbau von alten Sorten.

„Das Spalierobst konnte sich hier im Odenwälder Raum nicht durchsetzen“, so Marion Jöst, „höchstens im Garten finden sich kleine Bäumchen von kurzer Lebensdauer.“ Klima, Böden und Wühlmäuse machen dem Hochstammobstbaum mit seiner starkwachsenden Wurzelunterlage nicht so viel aus.

Als wichtiger Teil der Odenwälder Kulturlandschaft kämpfen neuerdings die Gemeinden auch darum, die Misteln zurückzudrängen, die viele alte Apfelbäume vorzeitig absterben lassen. Denn alte Obstwiesen werden oft nicht mehr gepflegt. Ohne Schnitt sterben die Bäume über kurz oder lang ab, nicht zuletzt wegen der Mistel. Die harte Arbeit beim Beschneiden und Obstsammeln ist für viele Baumbesitzer zu mühsam und der Verdienst zu gering.

Doch es gibt immer noch Großväter, die ihre Ernte zu einer Kelter bringen und dort entweder pressen lassen oder die Äpfel ab Hof verkaufen. Doch inzwischen haben jüngere Menschen das Thema Streuobstwiesen wiederentdeckt, Internetinitiativen und Gruppen junger Naturbegeisterter pflanzen Bäume, sammeln Obst und möchten die Kunst des Schnittes, des Veredelns und Züchtens wieder lernen. Lokale Unverpacktläden und Direktverkauf helfen, das Obst zu vertreiben.

Obst-Annahmestellen für das Kelterobst sind für „Poßmann“ und „Falter“ am Kreuzberghof. Aber viele Familien bevorzugen den direkten Weg zu den Odenwälder Keltereien oder zur Gemeindekelter am „Faselstall“ und lassen sich Saft in den Boxen aus ihrem eigenen Obst pressen und pasteurisieren.

Der Apfel als Tourismus-Symbol für die Region des Odenwaldes wird hier inzwischen sogar von Apfelhoheiten vertreten. Miriam Kurz-Rosenberger wurde im November 2019 die elfte Odenwälder Apfelkönigin; sie wird bis 2023 im Amt bleiben und hofft auf die Zeit nach Corona.

Die Rimbacher Favoriten bei der Obstsortenbestellung:

Zum Obstlehrpfad im Ortsteil Albersbach kommen Sie hier.

Die historische Obstsortiment für die Provinz Starkenburg der Landwirtschaftskammer des Großherzogtums Hessen aus dem Jahre 1915.